Rheinverlagerung bei Mehrum

Rhynum auf einer Karte nach Gerhard Mercator um 1590

„Entschuldigen Sie, wie komme ich wohl nach Rhynum?“ In Zeiten digitaler Routenplaner sind solche Fragen selten geworden.

Einfach die Technik bemühen und schon … – Wie bitte? „Rhynum“ wurde nicht gefunden? Irritiert geht der Blick nach oben, denn da auf dem alten Wegweiser steht es doch klar und deutlich: „Rhynumscher Weg“. Na, wenn Navi und App versagen, bleibt wohl nichts Anderes, als dem hölzernen Schild zu folgen ...

Weit kommen wir nicht. Am Denkmal der Friedenseiche verliert sich der Weg im Grünen. Dahinter erhebt sich der Banndeich und mit ihm ein stummer Hinweis auf das Schicksal des gesuchten Dorfes. Denn irgendwo, nicht weit auf der Wasserseite des Deichs endet die Reise nach Rhynum. Zumindest räumlich.

Rhynum gibt es nicht mehr. Was von ihm übrig ist, liegt begraben irgendwo in den Rheinwiesen und unter dem Bug der Schiffe, die dazwischen fahren. Bevor der Mensch den Rhein Ende des 19. Jahrhunderts eindeichte und in enge Bahnen zwang, bahnte der Strom recht wild und unbeständig Wege durch seine breite Aue. Alles, was nicht erhaben genug gebaut war, musste bei Hochwasser um sein Dasein fürchten. Häuser, Straßen und ganze Dörfer fielen den Launen des Flusses zum Opfer. So wie Rhynum erging es auch anderen längst vergessenen Orten: Niel und Quinheim, Lindekum und Halen, Ruberg und Sulen.

Bei Jahrhunderthochwasser kann es heute noch passieren, dass der Fluss durch den Deich bricht und alte Läufe in der Landschaft wiederfindet. 1668 geschah genau das bei Mehrum. Mit einem Mal lagen Viehweiden der Mehrumer Bauern in Rheinberg. Melken zu gehen bedeutete plötzlich eine riskante Rheinüberquerung mit dem Boot. Der „Milchplatz“ bei Eversael hatte zuvor rechtsrheinisch, beim heutigen Voerde, gelegen. Zugleich lag die Rheinberger Zollfeste plötzlich nicht mehr am Rhein und der Zollturm verlor damit seine Funktion.

Ein Wegweiser, ein Ortsname und ein alter Turm – verborgene Spuren in der Landschaft sprechen noch heute von der bewegten Vergangenheit des Rheins.

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