Herrschaftliche Häuser sind heute eine große Bereicherung unserer Kulturlandschaft. Burgen, Schlösser und Herrensitze sind nicht nur schöne Ausflugsziele, sondern erlauben uns auch einen wertvollen Blick in frühere Zeiten. In der Vergangenheit bedeuteten viele ‚Herren‘ aber oft auch viele Konflikte - zwischen weltlichen und kirchlichen ‚Herren‘, und mancherorts auch zwischen adligen Herren und einer ganzen Stadt. So lag im 15. Jahrhundert ein „Ritterbürtiger“ namens Rovetasche mit der Stadt Bocholt in Fehde. Die Ursache für den Konflikt kennen wir nicht, aber dem Rovetasche ist er nicht gut bekommen. Die Bocholter Bürgerwehr raubte sein Vieh und machte sein Anwesen dem Erdboden gleich. Und letztendlich musste er der Stadt auch noch eine festgesetzte Menge Geld zahlen, um den Streit zu beenden. Wo das Gut des Herrn Rovetasche gelegen hat, lässt sich bis heute nicht genau sagen. Es gibt Vermutungen, dass es hier in der Nähe, vielleicht sogar bei Haus Rodehorst gewesen sein kann! Dazu würde passen, dass Frank von Wittenhorst nur ein paar Jahre nach dem Streit Haus Rodehorst auf dem Schutt eines abgerissenen Anwesens neu errichtete. Die Geschichte um Rovetasche hielt sich trotz aller offenen Fragen bis jetzt hartnäckig und wurde ausgeschmückt zur Erzählung vom Argen Ritter Rowatasche, auch wenn in den Chroniken zum Haus Rodehorst kein Wort darüber fällt. Haus Rodehorst selber hat weitere gute und schlechte Jahre erlebt, und wurde gegen Ende des 16. Jahrhunderts nochmals im Krieg zerstört. Das heutige Haus Rodehorst entstand etwa ein Jahrhundert später im Stile des niederländischen Barock. Das aufwändig restaurierte Gutshaus ist heute in Privatbesitz und gilt als renommierter Veranstaltungsort klassischer Konzerte. Das hätte sich ein Ritter Rowatasche sicher nicht träumen lassen...

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Ritter und schöne Künste

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Wenn der Rhein bei starkem Hochwasser über seine Ufer tritt und die umliegenden Ebenen in seinen Besitz nimmt, bietet sich uns ein ungewohntes Bild. Wo zuvor grüne Auen waren, ist nun eine Wasserfläche. Aus ihr heraus ragen einzelne Bäume, Baumgruppen und teils ganze Höfe. Wie kleine Inseln stehen sie vom Wasser eingekesselt auf Erdhügeln. Das ist kein glücklicher Zufall. Vielmehr wurden die sogenannten Warften extra für diesen Zweck aufgeschüttet - eine notwendige Anpassung an die Launen des Flusses. Warften finden wir bis heute an verschiedenen Stellen am Niederrhein, immer dort, wo Höfe zwischen Rhein und Banndeich liegen. Denn obwohl der Rhein begradigt und befestigt worden ist, und der Banndeich verheerende Überschwemmungen des Hinterlandes verhindert, gehört die Überflutung des Deichvorlandes immer noch zum Leben der Niederrheiner. Und mancherorts muss alles, vom Milchtransport bis zum Schulweg eine Zeit lang kurzerhand per Boot erfolgen. Auch die Häuser rund um das Naturforum hier auf der Bislicher Insel waren ursprünglich Warfthöfe. Die gesamte Auenlandschaft hier wurde vom Rhein geformt, der sein Bett  immer wieder verlegte. Zur Römerzeit war die Bislicher Insel noch wirklich eine Insel, die nördlich vom Hauptstrom, und südlich in großem Bogen von einem Mäander, einem Nebenarm des Rheins umflossen wurde. Später verlegte der Strom sein Hauptbett immer mehr nach Süden, bis Friedrich der Große den Rhein im 18. Jahrhundert begradigen ließ und in etwa in das heutige Flussbett zwang. Das alte Flussbett wurde zum Altrheinarm ohne permanente Verbindung zum Hauptstrom. Bis heute ist die Bislicher Insel aber Überflutungsgebiet, was für die hiesige Tier- und Pflanzenwelt ein seltener Glücksfall ist. Und für uns Menschen sind die aufgeschütteten Warften also keine Überbleibsel, sondern immer noch Notwendigkeit.

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Warften (Bislicher Insel)

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Achtung, Sie stehen hier im Grenzgebiet! Also nicht, dass man das heute direkt merken würde. Aber viele Jahrhunderte lang war die Issel eine Grenze. Als Fluss eignete sie sich schließlich sehr gut dafür – deutlich sichtbar und nicht ganz einfach zu passieren. Wie alle Flüsse konnte sie natürlich auch Menschen verbinden, schließlich fließt sie ja nach Holland, und dort als Oude Ijssel und Ijssel weiter bis ins Ijsselmeer, aber hier war sie eben vor allem Grenze, und zwar eine ganz schön wichtige.Schon die Römer sicherten ihren Einflussbereich nach Osten hin an Rhein und Issel durch Grenzbefestigungen. Das Frankenreich - und damit die christliche Welt des frühen Mittelalters - endete links von der Issel, und auch bei der Reichsteilung nach Karl dem Großen spielte der Fluss eine Rolle. Als die Idee  territorialer Staaten aufkam, stritten sich das Herzogtum Kleve und das Erzbistum Münster um den genauen Verlauf ihrer Grenze hier im Überschwemmungs­gebiet des Flusses.

Seitdem ist viel Wasser durch die Issel geflossen. Die Stadt Hamminkeln wurde aus niederrheinischen und westfälischen Dörfern gebildet. Ob dies heute für die Einwohner noch eine Rolle spielt? Tatsächlich kann man die alte Grenze zwischen Niederrhein und Münsterland bis heute hören.

Die Hamminkelner Ortsteile Dingden und Wertherbruch liegen nur 5 Kilometer entfernt, aber eben rechts und links der Issel, und so sprechen die Menschen, die noch damit aufgewachsen sind, einen anderen Dialekt. Sprachforscher sind dem genau auf den Grund gegangen.Wenn Sie in Dingden ein Brötchen kaufen, klingt es westfälisch, in Wertherbruch dagegen niederrheinisch. Ein Dingdener „Wittbrot“ (Weißbrot) wird in Wertherbruch schon „Wegge“ oder „Stute“ genannt. Einen westfälischen „Twieback“ (Zwieback) erhalten Sie in Wertherbruch unter dem Namen „Beschütt“. Glauben Sie es nicht? Schlagen Sie in Wertherbruch doch mal das „Blatt“ auf, die Dingdener würden dazu eher „Zeitung“ sagen. 

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Die Issel als Grenzfluss

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Jeder kennt die Filmszene aus Hitchcocks Film „Die Vögel“, in der sich Dutzende Krähen auf dem Klettergerüst hinter der Hauptdarstellerin zum Angriff versammeln. Diese bedrohliche Rolle wird den Vögeln in Wirklichkeit natürlich gar nicht gerecht. In großen Gruppen versammeln sie sich zu bestimmten Jahreszeiten tatsächlich gern, aber bedrohlich sind höchstens ihre Hinterlassenschaften, wenn sie sich über einem in den Baumkronen tummeln. Hier am Weseler Ring sind es Saatkrähen, die seit langem an verschiedenen Abschnitten der Allee in großen Kolonien dicht an dicht ihre Nester bauen. Man erkennt sie gut an ihrem durchgängig schwarzen Gefieder und ihrem weißen Schnabelansatz, der sie von anderen Krähenarten unterscheidet. Während ihr Äußeres also nicht sehr spektakulär ist, ist es ihr Verhalten umso mehr. Die intelligenten und sehr geselligen Tiere kommunizieren und interagieren erstaunlich vielfältig miteinander. Im Frühjahr kann man Flugspiele und Kunststücke beobachten, oder sie spielen in den Baumkronen, zum Beispiel wenn sie Gegenstände fallen lassen und auffangen oder auf Zweigen schaukeln.  Pärchen bleiben, einmal gefunden,  ein Leben lang zusammen und kümmern sich gemeinsam um Nestbau und Aufzucht ihrer Jungen. Ihr Speiseplan ist sehr vielseitig. Am beliebtesten sind Regenwürmer, Käfer und Nacktschnecken, gelegentlich auch Mäuse oder Vogeleier und ganz selten auch Aas. Außerdem ab und zu Früchte, Nüsse und gelegentlich frisch ausgesähte Getreidesamen. Deswegen werden sie zum Teil auch heute noch illegal verfolgt, vergiftet oder ihre Nester abgeschossen. Und das, obwohl die Vögel andererseits auch viele Schädlinge fressen. Auch hier am Ring sind die Saatkrähenkolonien nicht von allen gern gesehen, weil ihr Kot die Allee unterhalb der Nester stark verschmutzt, und auch, weil die ruffreudigen Singvögel zur Brutzeit wirklich laut sind. Es zieht die Saatkrähen aber nicht ohne Grund mitten in die Innenstadt: Hier finden sie noch zahlreiche geschützte Alleen mit großen, alten Bäumen, die als Nistplatz geeignet sind, und hier werden sie auch nicht bejagt. Kein Wunder also, dass Mitarbeiter der Biologischen Station im Kreis Wesel entlang der Mittelallee jedes Jahr durchschnittlich 240 Nester zählen. Wer hier langgeht, sollte also zwischen März und Juni vielleicht besser einen Regenschirm dabei haben…

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Saatkrähen

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Wie wär's mit einer Weinverköstigung? Na? Ein paar edle niederrheinische Tropfen? Den berühmten Rheinberger Riesling vielleicht? Oder eine Büdericher Spätlese? Das klingt komisch? Sie haben recht, der Niederrhein ist selbstverständlich kein Weinbaugebiet. Jedenfalls im Moment nicht. In ein paar Jahrzehnten könnte sich das durch den Klimawandel durchaus ändern. Bereits heute ist hobbymäßiger und auch gewerblich betriebener Weinbau viel verbreiteter, als man denkt – selbst auf Sylt, dem nördlichsten Zipfel Deutschlands werden Trauben zur Weingewinnung angebaut. Und auch früher schon wurde hier am Niederrhein Wein gekeltert. Natürlich waren das keine erlesenen Sorten – das gab das niederrheinische Klima nicht her. In den meisten Jahren war es ein saures Getränk, das nur mit Honig gesüßt zu genießen war. Dem Wein vom Kloster Kamp zum Beispiel eilte sein schlechter Ruf schon voraus: „Kamper Wein, macht bei Tisch nur Pein“, hieß es. Aber dennoch – seit die Römer den Wein an den Rhein gebracht hatten, gab es überall Versuche, Wein zu gewinnen. Das ging vor allem im Mittelalter zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert auch vergleichsweise gut, weil das Klima recht mild war. Noch vor 250 Jahren war der Weinbau in den nur wenig südlicher gelegenen Städten Neuss und Köln ganz normal. Im Kreis Wesel lassen sich bis zur Frühen Neuzeit neun Weinbaustandorte nachweisen, unter anderem in Büderich, Rheinberg, Moers und Xanten. Schließlich war Wein nicht nur in der Kirche als Messwein unverzichtbar, sondern durch den Alkohol als keimarmes Getränk begehrt. Wein war im Mittelalter eines der wichtigsten Handelsgüter. Da war man froh, Wein für den alltäglichen Gebrauch möglichst vor der Haustür anbauen zu können. Der durfte dann auch etwas saurer sein.

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Weinbau

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Was meinen Sie, wie lustig ist es wohl, einen Rasenmäher einen Deich immer wieder hoch- und runter zu schieben oder in Schräglage zu mähen? Der Spaß dürfte sich dabei in Grenzen halten. Zum Glück gibt es eine viel bessere Lösung. Der beste Rasenmäher für Deiche ist nämlich ein Schaf. Beziehungsweise viele Schafe. Sie werden deshalb hier immer wieder Schafherden auf dem Deich beobachten können. Man kennt das Bild auch von Küstenregionen, zum Beispiel von der Nordsee. Dabei geht es nicht nur um das Gras, dass die Schafe schön kurz halten, sondern vor allem um den Boden. Die Schafe treten den Boden und das Gras immer wieder fest. Und fester Boden mit lückenloser Grasnarbe ist der effektivste Schutz vor einem Deichbruch und somit auch vor Hochwasser. Damit reiht sich noch eine weitere, überaus wichtige Funktion in die lange Liste von Gründen, warum Menschen seit ungefähr 5.000 Jahren Schafe halten. Wolle, Fleisch, Milch, und  und und..., Ja und dann betreiben sie auch noch Hochwasserschutz. Und pflegen die Landschaft. Damit helfen sie auch die Artenvielfalt zu bewahren. Deiche sind nicht unbedingt ein Blütenmeer, aber hier finden sich doch einige bei Insekten sehr beliebte Pflanzen: Wiesenflockenblume, Wiesenlabkraut und Schafgarbe zum Beispiel. Häufiges maschinelles Mähen nach Plan kann verhindern, dass einige Pflanzenarten aufblühen. Dann gehen die Insekten leer aus. Aber mit der extensiven Beweidung durch Schafe kann man sicher gehen, dass die Blumen zur Blüte, und die Insekten so auf ihre Kosten kommen.

 

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Schafe

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Zu allen Zeiten mussten Menschen vor Krieg und Zerstörung flüchten und konnten lange Lieder davon singen, was es heißt, „Spielball der Mächte“ zu sein. Wer zwischen die Fronten gerät, hat eben Pech, da wird bis heute nicht lange gefackelt. Früher konnte auch bei uns schon mal ein ganzes Dorf dem Erdboden gleich gemacht werden, wenn es nur dem Sieg dienlich schien. Ein solches Bauernopfer war auch Büderich, das zur falschen Zeit am falschen Ort lag. Denn die direkt gegenüber liegende rechtsrheinische Festung Wesel bildete seit 1805 den äußersten Punkt des napoleonischen Reiches und wurde in den folgenden Jahren zu einem Bollwerk der Verteidigung ausgebaut. Zwei Forts wurden errichtet, eines auf der Büdericher Insel, das andere direkt vor den Toren Büderichs. Und schon als Napoleon auf dem Weg zu seinem Russlandfeldzug hier durchkam, soll er 1811 in Bezug auf Büderich lapidar bemerkt haben „dieses Nest da muss weg“. Auf dem Rückzug nach seiner Niederlage zwei Jahre später beauftragte er dann tatsächlich die Zerstörung des Städtchens, um freies Schussfeld zu haben. Die Einwohner hatten gerade einmal zwei Tage Zeit um ihr Hab und Gut zu packen und ihre Häuser zu verlassen. Der Gedenkstein an der Weseler Straße erinnert heute an das alte Büderich. Immerhin wurde der Wert der Gebäude geschätzt und später als Entschädigungssumme zumindest halbwegs zurückerlangt. Und ganz schlecht hatten es die Büdericher nach diesem Schock am Ende nicht getroffen, denn Preußen baute den Ort zwischen 1815 und 1822 als „Neu-Büderich“ mehr als doppelt so groß weiter südlich wieder auf. Die preußische Handschrift unter Vorgaben des Militärs erkennt man bis heute am leicht trapezförmigen Grundriss und den sehr breit angelegten Straßen. Durch diese Bauweise war ein besserer Überblick und falls nötig auch Durchschuss zur Verteidigung möglich. Der Bau einer Siedlung so nah am Fort wurde vom Militär nur mit den speziellen Auflagen genehmigt.

Und die klassizistischen Bauten der beiden Kirchen am Marktplatz nach den Entwürfen Karl Friedrich Schinkels sind als Teil des Gesamtensembles Neu-Büderich einzigartig und lohnen unbedingt einen Besuch. 

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Neu-Büderich

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Wenn man sich als Herzog in früheren Jahren mit einem anderen Machthaber jahrelang um ein bestimmtes Gebiet gestritten hatte und schließlich die weltliche Macht darüber zugesprochen bekam, war es sicher schlau, seinen Machtanspruch dort zu untermauern – zum Beispiel mit der Gründung eines Klosters.

Vor fast 600 Jahren passierte hier genau das. Die Gegend war umkämpftes Grenzgebiet zwischen dem Herzogtum Kleve und dem Fürstbistum Münster. Die Streitigkeiten fanden ein Ende in einem Kompromiss: der Herzog von Kleve erhielt die Landesherrlichkeit, das Bistum Münster die kirchliche Zuständigkeit. Kurz darauf übertrug dann der klevische Verwaltungsbeamte Johann von Capellen einen Hof, die sogenannte „Dingdener Hufe“ an die Augustiner Chorherren. Die veräußerten ihn nur fünf Jahre später an den Kreuzbrüderkonvent in Osterberg bei Osnabrück. Ob die Augustiner wohl diese Entscheidung später bereuten? Marienvrede mauserte sich schnell zu einem der kulturellen und wirtschaftlichen Zentren der Region. Es wurde vor allem als Ort der Schreibkunst bekannt, und diverse Schenkungen machten das Kloster letztlich zu einem der reichsten Konvente des Kreuzbrüderordens. Ähnlich wie andere Klöster überlebte aber Marienvrede die Säkularisierung Anfang des 19. Jahrhunderts nicht. Der Konvent wurde aufgelöst, und nachdem die letzten Mönche ausgezogen waren, begann man mit dem Verkauf der Besitztümer. Die Gebäude wurden nach und nach abgerissen und die Steine teilweise als Baumaterial in Dingden wiederverwendet. 1973 stieß man bei Kanalarbeiten auf einen gemauerten Gewölbegang. Vielleicht handelt es sich dabei um Überreste eines geheimen Verbindungsgangs zwischen dem Kloster und der ehemaligen Klosterschenke, von dem die Dingdener bis heute erzählen. An trockenen Sommertagen kann man auf der heutigen Weidefläche noch die Fundamente der ehemaligen Klosterkirche erkennen. Auch der Wappenstein mit dem Bildnis des Gründerehepaars Johann von Capellen und seiner Frau Agnes blieb erhalten und befindet sich heute im Heimathaus in Dingden. So finden sich immer noch Spuren des Klosters, das über Jahrhunderte das Leben der Menschen und die hiesige Landschaft stark geprägt hat.

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Marienvrede

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Wenn wir hier auf den Rhein blicken, können wir uns nur schwer vorstellen, dass er nicht immer ruhig dahin fließt. Dass er schon oft innerhalb weniger Stunden zu einem Ungeheuer wurde, das weite Teile des Landes um sich herum verschlang. Vor allem, bevor man ihn im 19. Jahrhundert in sein heutiges Bett zwang, war er völlig unberechenbar und forderte immer wieder große Opfer. Und wenn das schon schwer vorstellbar ist, dann passen Sie mal auf: 1855 hätten sie an dieser Stelle vor einer über zehn Meter hohen Eismauer gestanden! Denn vor unseren milden Wintern und der Einleitung von warmen Abwässern in den Rhein waren Hochwasser in strengen Wintern zuweilen mit Eisgang gepaart. Dann führte der Rhein dicke Eismassen mit sich, und die konnten aus einem normalen Hochwasser eine echte Katastrophe machen. Eine solche ereignete sich 1855. Der Winter war ungewöhnlich kalt, und der Rhein führte sehr viel Eis mit sich, das sich bei Rees zu einer gewaltigen Stromsperre auftürmte. In kurzer Zeit überflutete das Wasser das flache Land  - hier in Bislich brach der Deich - und das Wasser gefror schnell wieder zu einer dicken Eisdecke. Und zwischen Rheinberg und Wesel staute sich das Eis zu einer kolossalen Mauer – etwa einen halben Kilometer lang und über zehn Meter hoch! Was das Tauwasser dann mit der Umgebung anstellte, kann man vielleicht erahnen: über 100 überflutete Ortschaften und gewaltige Schäden. Das Wasser schoss in Bislich einen Meter hoch über den Deich, verwüstete das Land dahinter und floss hinter den Schutzanlagen her in die Niederlande in die Zuidersee!

Beinah gespenstisch ist eine Sage, die sich um dieses Unglück rankt. Ein Jahr davor trat der Großvater eines Bislicher Schmieds nach dem Essen vor die Tür und vernahm dort ein ohrenbetäubendes Klirren: „als ob ein ganzer Wagen Teller in die Woj geschlagen und gebrochen wär“, so sagte er. Als beim Eisgang später dann die Eisschollen über den Deich rutschten, erkannte er das unheimliche Geräusch wieder. Genau das hatte er ein Jahr zuvor vernommen. So wird bis heute die Sage vom Eisgang bei Bislich erzählt.

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Eisgang

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